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Johann Burckhardt Mencke

Unbewusster Wegbereiter des Universal-Lexicons

Johann Burckhardt Mencke wurde am 8. April 1674 zu Leipzig geboren. Als Sohn Otto Menckes, eines renommierten Professors für Ethik und Politik an der dortigen Universität, wurde er zunächst von seinem Vater und dessen gelehrten Freunden (etwa dem nachmaligen Hallenser Theologen Paul Anton) erzogen, bevor er die angesehene städtische Nicolaischule besuchte. Im Alter von 17 Jahren immatrikulierte sich Mencke an der Leipziger Universität, und schon im folgenden Jahr (1692) wurde er zum Baccalaureus der Freien Künste erhoben. Nur zwei Jahre später (1694) erlangte er den Titel eines Magister Artium der theologisch-artistischen Fakultät und 1696 den eines Baccalaureus der Heiligen Schrift; anläßlich einer Bildungsreise durch die fortschrittlicheren Länder Westeuropas - Holland, Frankreich und England - wandte er sich 1698 aber von der Theologie ab. 1699 rückte Mencke zum Professor der Geschichte im heimatlichen Leipzig auf, indem er die Nachfolge des bedeutenden Frühaufklärers Adam Rechenberg antrat; unter ihm wurde dieses Fach erstmals zum eigenständigen Lehramt aufgewertet, das nicht mehr mit einer Vermittlung der klassischen Sprachen einherzugehen hatte. Um sich mit der neuen, aufgeklärten historisch-juristischen Methode vertraut zu machen, trat Mencke im selben Jahr ein Studium der Jurisprudenz zu Halle an, wo jene Vorgehensweise ersonnen worden war; 1701 schloß er dieses Studium mit Promotion ab. Bekannt wurde Mencke vor allem durch seine satirischen Spottreden De charlataneria eruditorum (1713/15), die wegen ihrer Respektlosigkeit in Sachsen zunächst verboten wurden. Seine Monographien hingegen - etwa sein von Pufendorfs Methode beeinflußtes, aber nicht auf Archivalien zurückgreifendes Erstlingswerk Leben und Thaten Sr. Majestät, des Römischen Kaysers Leopold des Ersten (1707) - riefen weniger Begeisterung hervor. Bleibende Anerkennung errang Mencke jedoch als Herausgeber der von seinem Vater 1682 begründeten Gelehrtenzeitschrift Acta Eruditorum (seit dessen Tod 1707), des von Christian Gottlieb Jöcher fortgeführten Compendiösen Gelehrten-Lexicons (1713) sowie der Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen (seit 1715); außerdem legte der antiquarisch arbeitende Mencke wertvolle Editionen spätmittelalterlicher Quellen vor und führte als Vorläufer der "Leipziger Sprachreform' das Deutsche in den Wissenschaftsdiskurs ein. 1707 erstmals zum Rektor ernannt (was sich 1715, 1717, 1719, 1723 und 1729 wiederholen sollte), gehörte Mencke seit 1713 dem Großen Fürstenkollegium seiner Universität an und wurde 1729 Decemvir sowie 1731 Senior der Einrichtung, die er 1716 und 1722 auf dem Landtag zu Dresden vertrat. Seine Gichtprobleme (seit 1720) wurden 1728 durch eine Zungenlähmung verschlimmert, aufgrund derer Mencke seine Lehrtätigkeit aufgeben mußte; am 1. April 1732 starb er an Herzversagen.

Gerd Quedenbaum, Verfasser der trotz mancher Mängel bislang einschlägigsten Abhandlung über Zedlers Universal-Lexicon, weist Johann Burckhardt Mencke mittels einer bloßen, auf keinerlei ausgewiesene Quellenangaben gestützten Spekulation eine wichtige Rolle bei den Vorarbeiten für das Nachschlagewerk zu: "Da wenistens einige der gelehrten Mencke-Mitarbeiter auch für Zedler tätig waren, ist es nicht unwahrscheinlich, daß umgekehrt auch der junge Verleger mit seinen Ideen im Hause Mencke gern gesehen war." Eine solch enge Beziehung zwischen Zedler und dem Leipziger Professor ist jedoch nur schwer zu belegen; einzig die nach Menckes Ableben getätigte Aussage eines gewissen Zschau vor der Bücherkommission , daß der Verstorbene Vorlagen des von Zschau verbotenerweise gedruckten zweiten Bandes des Universal-Lexicons korrigiert habe, ließe sich dafür anführen, aber dieses Zeugnis wurde bemerkenswerterweise von den Gegnern Zedlers bestritten! Quedenbaums Vermutung gründet sich wohl auf den Umstand, daß Mencke nach dem Vorbild seines Vaters und seiner Kollegen eine eigene Schule um sich und seine weitgerühmte, allen Studenten offenstehende Familienbibliothek geschart hatte - eine Gefolgschaft, die so klangvolle Namen wie Mascov, Glafey, Jöcher, Peter Kohl, Gerhard Friedrich Müller, Erdmann Neumeister und den so energisch wie vergeblich geförderten Johann Christian Günther umfaßte (der aber nicht auch nur einer der bekannten Redakteure Zedlers angehörte). Außerdem war Mencke selbst ein geachtetes Mitglied mehrerer gelehrter Gesellschaften: Seit 1697 hatte er, der unter dem Pseudonym "Philander von der Linde" selbst Gelegenheitsgedichte verfaßte, der "Görlitzer poetischen Gesellschaft" als Schirmherr gedient; 1696 war er in die "Vertraute Rednergesellschaft" und in das "Collegium Anthologicum" eingetreten und 1700 in die englische Royal Society aufgenommen worden; von 1717 bis 1732 firmierte er gar als Präsident der "Deutschen Gesellschaft"; seit 1726 hatte er der Königlich-Preußischen Gesellschaft der Wissenschaften angehört, und im selben Jahr war auch ein Ruf an ihn ergangen, als Professor der Beredsamkeit in die unter seiner Konsultation neugegründete Petersburger Akademie einzutreten, was er jedoch abgelehnt hatte. Menckes engmaschiges Beziehungsgeflecht erstreckte sich jedoch auch auf Leipziger Kreise, die seine Mitarbeit am Universal-Lexicon nicht gutgeheißen hätten: 1702 hatte er sich mit Katharina Margaretha Gleditsch (1684-1732) vermählt und war schon dadurch an die miteinander verwandten Buchhändlerdynastien Gleditsch und Fritsch - die erbittertsten Konkurrenten Zedlers - gebunden; überdies verlegten Gleditsch und (zeitweise) dessen Schwiegersohn J. Thomas Fritsch sämtliche Publikationen, von denen Menckes Ruf abhing (weshalb sie sich angesichts von Zschaus Aussage wohl auch so vehement für ihn einsetzten). Unter diesen Bedingungen dürfte es schon als Zugeständnis Menckes zu werten sein,daß Zedler seine großangelegte Öffentlichkeitsarbeit ungestört in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen betreiben konnte. Denn Menckes Stellung in Leipzig war im Grunde lediglich der Reputation seines Vaters und seinen eigenen gesellschaftlichen Kontakten zu verdanken und daher entsprechend unsicher: Ähnlich kritische Geister wie Christian Weise und Christian Thomasius - dessen Bewunderer Mencke war - hatten die Alma mater Lipsiensis, die damals größte deutsche Universität, immerhin verlassen müssen, weil sie in Konflikt mit deren mittelalterlicher Verfassung und der dort vorherrschenden lutheranischen Orthodoxie geraten waren. Darüber hinaus bezog die Familie Mencke gelegentlich Zuwendungen seitens des kursächsischen Herrscherhauses: Porträt Johann Burkhard Mencke, Bildnachweis siehe Seitenende. Um eine Version mit höherer Auflösung zu betrachten (86 KB), klicken Sie bitte auf das Bild.1708 war der Professor zum kurfürstlich-sächsischen Historiographen und 1709 zum königlich-polnischen Rat ernannt worden; seine herausgehobene Position an der Universität hatte der gebürtige Meißner eigentlich nur einer von August dem Starken selbst durchgesetzten "Saxonisierung" im Jahre 1711 zu verdanken, der 1723 die Ernennung zum Hofrat gefolgt war, und schließlich hatte man Mencke auch noch mit dem Rittergut Görnitz belehnt. Vor diesem Hintergund - der Kurfürst hatte sich ja lange den Argumenten von Zedlers Gegnern aufgeschlossen gezeigt - erscheint ein persönlicher Einsatz Menckes für Zedler und dessen Projekt eher unwahrscheinlich. Eine indirekte Verbindung zwischen beiden ließe sich allenfalls über einen besonders prominenten Vertrauten des Professors herstellen: Im Juni 1724 hatte Mencke den vor preußischen Werbern geflohenen Johann Christoph Gottsched als Hauslehrer seines Sohnes unter seinem Dach aufgenommen, ihn in die Leipziger Gesellschaft eingeführt und bis 1727 auch seine Bibliothek von ihm betreuen lassen. Einer späteren Beschwerde der Zedler-Konkurrenten zufolge soll das umstrittene Universal-Lexicon zwar "unter der Direction des Commissions-Raths Rothers und Professor Gottscheds" entstanden sein, aber einerseits wird dieser Klage in der Forschung mittlerweile kein nennenswerter Wahrheitsgehalt mehr zugebilligt und andererseits hatten sich bereits 1725 erste Differenzen zwischen Mencke und seinem Proteg√© aufgetan, seit Gottsched als Hospes der "Deutschübenden (ehemals Görlitzer) poetischen Gesellschaft" Anordnungen traf, von denen er den Präses - damals eben Mencke - nicht in Kenntnis setzte. Auch bezüglich einer etwaigen Empfehlung Gottscheds an Zedler wird man deshalb wohl kaum von einer Beteiligung Menckes ausgehen können.

Anders als gemeinhin von der Forschung behauptet, sprechen also nur (zu) wenige Indizien dafür, Johann Burckhardt Mencke in die Reihe bedeutender Zeitgenossen einzuordnen, die sich um das Erscheinen des Universal-Lexicons persönlich verdient gemacht haben. Sogar der Eintrag zu Menckes Person im 20. Band von Zedlers Nachschlagewerk belegt, daß Verfasser und Verleger den darin Beschriebenen nicht sehr gut kannten: Das angegebene Geburtsdatum - der 27. März 1675 - weicht erheblich vom oben angegebenen ab, das ältere wie neuere Forschung als gesichert annehmen! Somit kann eigentlich nur ein Beitrag des Leipziger Gelehrten im Zusammenhang mit dem Universal-Lexicon nicht bestritten werden: Seine frühaufklärerischen Bestrebungen an der noch in Konventionen erstarrten Leipziger Universität, insbesondere auf dem Gebiet der "Sprachreform", trugen sicherlich in entscheidendem Maße dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem eine deutschsprachige Enzyklopädie aufklärerischen Einschlags überhaupt breite Akzeptanz finden konnte.

Literatur:

  • Blühm, Elger: Johann Heinrich Zedler und sein Lexikon, in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, Bd. 7, Würzburg 1962, S. 84-200
  • Brauer, Adalbert J.: Professor Johann Burchard Mencke, F.R.S. (1674-1732), in: Notes and Records of the Royal Society 17/2 (1962), S. 192-197
  • Fläschendräger, Werner: Johann Burkhard Mencke (1674-1732), in: Max Steinmetz (Hg.), Bedeutende Gelehrte in Leipzig, Bd. 1, Leipzig 1965, S. 15-24
  • Flathe: Mencke, Johann Burkhard, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 21, hrsg. v. der historischen Commission bei der kgl. Akademie der Wissenschaften, Berlin 1885, Ndr. Berlin 1970, S. 310 f.
  • Hammerstein, Notker: Johann Burchard Mencke, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 17, hrsg. v. der historischen Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1994, S. 34 f.
  • Hermes, Agnes-Hermine: Johann Burkhard Mencke in seiner Zeit, Diss. phil. Frankfurt am Main 1934
  • Johnson, Lathrop P.: Johann Burckhard Mencke: The English Connection and the End of Baroque Poetry, in: Daphnis 21 (1992), S. 95-108
  • Juntke, Fritz: Johann Heinrich Zedler's Grosses Vollständiges Universallexikon: Ein Beitrag zur Geschichte des Nachdruckes in Mitteldeutschland (Schriften zum Bibliotheks- und Büchereiwesen in Sachsen-Anhalt, Heft 16), Halle 1956, S. 13-32
  • Martens, Wolfgang (Hg.): Aufklärung und Bürgerlichkeit (Zentren der Aufklärung, Bd. 3; Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung, Bd. 17), Heidelberg 1990
  • Quedenbaum, Gerd: Der Verleger und Buchhändler Johann Heinrich Zedler 1706-1751: Ein Buchunternehmer in den Zwängen seiner Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Buchhandels im 18. Jahrhundert, Hildesheim 1977
  • Art. Mencke (Johann Burchard), in: Johann Heinrich Zedlers Grosses Vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste [...], Bd. 20, Halle/Leipzig 1739, Ndr. Graz 1961, Sp. 625 f.
  • Art. Mencke, Johann Burkhard, in: Walther Killy/Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), Bd. 7, München 1998, S. 56

[Christof J. Heymann]

Bildnachweis:

  • Porträt Johann Burkhard Mencke, Kupferstich von Johann Georg Mentzel, 1715. Bibliothek der Franckeschen Stiftungen zu Halle, Böttichersche Porträtsammlung, Signatur: HAB A 13903.

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